ALTENBURGER GESCHICHTSVEREIN e.V. (AGV)
& Brigitte und Wolfgang Böhm

13.06.2014

Papst Franziskus gibt erneut Interview

"Ich bin kein Erleuchteter"

PapstFranziskus hat der Zeitung "La Vanguardia" aus Katalonien einInterview gegeben. In dem Gespräch äußert sich Franziskus auch zum Stand derReformen im Vatikan, zum Rücktritt Benedikts und zum Friedensgebet anPfingsten.

 

Frage: Die Gewalt im Namen Gottes prägt den Nahen Osten...

PapstFranziskus: Das ist einWiderspruch. Gewalt im Namen Gottes passt nicht in unsere Zeit. Das ist etwasAltes. Aus historischer Perspektive muss man einräumen, dass wir Christen siezeitweise praktiziert haben. Wenn ich an den Dreißigjährigen Krieg denke, dannwar das Gewalt im Namen Gottes. Heute ist das kaum vorstellbar, nicht wahr? Wirkommen manchmal aus religiösen Gründen zu sehr ernsten, sehr schwerwiegendenWidersprüchen. Fundamentalismus, zum Beispiel. Wir drei Religionen habenjeweils unsere fundamentalistischen Gruppen, klein im Verhältnis zum ganzenRest.

Dieverfolgten Christen sind eine Sorge, die mir als Hirte sehr nahe geht. Ich weißsehr viel über Verfolgungen, kann aber aus Vorsicht nicht darüber sprechen, umniemanden vor den Kopf zu stoßen. Aber es gibt Orte, an denen es verbotenist,eine Bibel zu besitzen oder den Katechismus zu lehren oder ein Kreuz zu tragen.

Frage: Wie denken Sie über den Fundamentalismus?

PapstFranziskus: Einefundamentalistische Gruppe ist gewalttätig, selbst wenn sie niemanden tötet undniemanden schlägt. Die mentale Struktur des Fundamentalismus ist Gewalt imNamen Gottes.

Frage: Manche sehen Sie als einen Revolutionär...

PapstFranziskus: Für michbesteht die große Revolution darin, zu den Wurzeln zu gehen, sie zu erkennenund zu schauen, was diese Wurzeln uns heute zu sagen haben. Es gibtkeinenWiderspruch zwischen revolutionär und zu den Wurzeln gehen. Vielmehrglaube ich, dass der Hebel, um wirkliche Änderungen herbeizuführen, dieIdentität ist. Man kann nie einen Schritt machen im Leben, wenn man nicht vonhinten losgeht, wenn man nicht weiß, woher ich komme, wie ich heiße, welchenkulturellen und religiösen Namen ich trage.

Frage: Sie haben oft das Protokoll gebrochen, um den Menschennahe zu sein...

PapstFranziskus: Ichweiß,dass mir mal etwas passieren kann, aber das liegt in den Händen Gottes...Seien wir realistisch, in meinem Alter habe ich nicht mehr viel zu verlieren.

Frage: Warum ist es so wichtig, dass die Kirche arm unddemütig ist?

PapstFranziskus: Armut undDemut sind im Zentrum des Evangeliums, und das sage ich in theologischem, nichtsoziologischem Sinn. Man kann das Evangelium nicht verstehen ohne dieArmut,aber man muss sie vom Pauperismus unterscheiden.

Frage: Was kann die Kirche tun, um die wachsende Ungleichheitzwischen Reichen und Armen zu reduzieren?

PapstFranziskus: Es istbewiesen, dass wir mit der Nahrung, die übrigbleibt, die Hungernden ernährenkönnten. Wenn Sie Fotos von unterernährten Kindern in verschiedenen Teilen derWelt sehen, dann schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen, das ist nicht zuverstehen! Ich glaube, wir sind in einem Weltwirtschaftssystem, das nicht gutist... Wir haben das Geld in den Mittelpunkt gestellt, den Geldgott. Wir sindin den Götzendienst des Geldes verfallen... Wir schließen eine ganze Generationaus, um ein Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, das nicht mehr zu ertragenist. Ein System, das Krieg führen muss, um zu überleben... Aber weil man keinenDritten Weltkrieg führen kann, führt man eben regionale Kriege. Und wasbedeutet das? Dass Waffen produziert und verkauft werden, und dadurch sanierensich die Gleichgewichte der ... großen Weltwirtschaften.

Frage: Sind Sie besorgt über den Konflikt zwischen Katalonienund Spanien?

PapstFranziskus: JedeSpaltung macht mich besorgt. Es gibt Unabhängigkeit aus Emanzipation undUnabhängigkeit aus Abspaltung. Unabhängigkeiten aus Emanzipation sind z.B. dieamerikanischen, sie emanzipierten sich von den europäischen Staaten.Unabhängigkeiten von Völkern aus Abspaltung, das ist eineZergliederung...Denken wir an das frühere Jugoslawien. Natürlich gibt es Völkermit so verschiedenen Kulturen, dass man sie nicht einmal mit Klebstoffaneinander-kleben kann. Der jugoslawische Fall ist sehr klar, aber ich frage mich,ob es in anderen Fällen so klar ist, bei anderen Völkern, die bis jetzt vereintgewesen sind. Man muss Fall für Fall studieren. Schottland, Padanien,Katalonien. Es wird gerechtfertigte und nicht gerechtfertigte Fälle geben, aberdie Abspaltung einer Nation, ohne dass es vorher eine zwangsweise Einheit gab,so etwas muss man mit der Pinzette anfassen und Fall für Fall studieren.

Frage: Die Gebete für Frieden im Vatikan waren nicht leichtzu organisieren, weil es dafür keinen Präzedenzfall gab. Wie fühlten Sie sichdabei?

PapstFranziskus: Ichspürte,dass das etwas war, was uns alle übersteigt. Hier im Vatikan sagten 99Prozent, dass das nicht klappen würde, und danach wuchs dieses eine Prozentimmer mehr. Ich spürte, dass wir uns da zu einer Sache gedrängt sahen, die wirso noch nicht kannten und die allmählich dann Gestalt annahm. Es war überhauptkein politischer Akt, das spürte ich von Anfang an, sondern ein religiöser Akt:ein Fenster zur Welt hin öffnen.

Frage: Warum haben Sie entschieden, sich ins Auge des Taifunszu begeben, also in den Nahen Osten?

PapstFranziskus: Daswirkliche Auge des Taifuns war – wegen dem Enthusiasmus, den es da gab – derWeltjugendtag von Rio im letzten Jahr! Der Beschluss, ins Heilige Land zureisen, kam zustande, weil Präsident Peres mich einlud. Ich wusste, dass seinMandat in diesem Frühling auslief, und sah mich darum gewissermaßen dazugezwungen, vorher zu fahren. Seine Einladung hat den Reisetermin beschleunigt.Ich hatte das eigentlich nicht so geplant.

Frage: Sie sagen, dass in jedem Christen ein Jude steckt...

PapstFranziskus: Es wäre wohlkorrekter zu sagen, dass man sein Christentum nicht wirklich leben kann, wennman seine jüdische Wurzel nicht anerkennt. Ich spreche vom Judentum imreligiösen Sinn. Meiner Meinung nach muss der interreligiöse Dialog dasangehen, die jüdische Wurzel des Christentums und die christliche Blüte aus demJudentum heraus. Ich verstehe, dass das eine Herausforderung ist, eine heißeKartoffel, aber als Brüder können wir das tun.

Frage: Wir urteilen Sie über Antisemitismus?

PapstFranziskus: Ich wüsstenicht zu erklären, wie er zustande kommt, aber ich glaube, er hängt imAllgemeinen sehr mit der Rechten zusammen. Der Antisemitismus pflegt in denrechten Strömungen besser Fuß zu fassen als in den linken, nicht wahr? Und sogeht er weiter. Wir haben sogar Leute, die den Holocaust leugnen – einWahnsinn!

Frage: Eines Ihrer Vorhaben ist es, die Vatikan-Archive zumHolocaust zu öffnen.

PapstFranziskus: Das wirdviel Licht in die Sache bringen.

Frage: Macht Ihnen Sorge, was man da entdecken könnte?

PapstFranziskus: Was mir beidiesem Thema Sorgen macht, ist die Figur von Pius XII.: Dem armen Pius XII.haben sie wirklich alles Mögliche vorgeworfen. Aber man muss daran erinnern,dass er früher einmal als der große Verteidiger der Juden gegolten hat,erversteckte viele in den Klöstern Roms und anderer italienischer Städte, undauch in der Sommerresidenz Castel Gandolfo. Dort, im Zimmer des Papstes, inseinem eigenen Bett, wurden 42 Babys geboren, Kinder von Juden oder anderenVerfolgten, die sich dorthin geflüchtet hatten. Ich will damit nicht sagen,dass Pius XII. keine Irrtümer begangen hätte – ich selbst begehe auch viele–,aber man muss seine Rolle im Kontext der Epoche lesen. War es zum Beispielbesser, dass er schwieg oder dass er nicht schwieg, damit nicht noch mehr Judengetötet würden? Manchmal ärgert es mich auch ein bisschen, wenn ich sehe, wiealle gegen die Kirche und Pius XII. sprechen und dabei die Großmächte ganzvergessen. Wissen Sie, dass die Großmächte ganz genau das Eisenbahnnetz derNazis kannten, auf dem die Juden in die KZs gebracht wurden? Sie hatten Fotosdavon! Aber sie warfen keine Bomben auf diese Schienen. Warum? Darüber solltenwir auch mal sprechen!

Frage: Sie ändern viele Dinge. Wohin führen diese Änderungen?

PapstFranziskus: Ich bin keinErleuchteter. Ich habe kein persönliches Projekt unterm Arm, sondern ich führeaus, was wir Kardinäle vor dem Konklave auf den Generalkongregationen überlegthaben, als wir jeden Tag über die Probleme der Kirche diskutierten. Da sindÜberlegungen und Empfehlungen entstanden. Eine sehr konkrete war, dass derkünftige Papst ein Gremium von auswärtigen Beratern brauchte, die nicht imVatikan wohnen.

Frage: Sie haben daraufhin den Kardinalsrat gegründet...

PapstFranziskus: Das sindacht Kardinäle aus allen Kontinenten und ein Koordinator. Sie treffen sich hieralle zwei oder drei Monate. Anfang Juli haben wir wieder vier Tage Sitzung, undwir führen die Änderungen durch, um die die Kardinäle uns bitten. Es ist nichtobligatorisch, dass wir das machen, aber es wäre unvorsichtig, nicht auf diezuhören, die Ahnung haben.

Frage: Wie denken Sie über den Rücktritt von Benedikt XVI.?

PapstFranziskus: PapstBenedikt hat eine sehr große Geste getan. Er hat eine Tür geöffnet, eineInstitution gegründet, die der möglichen emeritierten Päpste... Ich werdedasselbe tun wie er, nämlich den Herrn bitten, dass er mich erleuchte, wenn derMoment kommt, und dass er mir sage, was ich tun soll, und das wird er sichertun.

Frage: Ich werde Sie nicht fragen, wem Sie bei der WM dieDaumen drücken...

PapstFranziskus: DieBrasilianer haben mich gebeten, neutral zu bleiben..." (lacht) "undich halte mein Wort, denn Brasilien und Argentinien sind immer Antagonisten.

Übersetzung:Stefan Kempis, Radio Vatikan

(rv)

 Originalübernommen von Radio Vatikan